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Lesetext

Hier finden Sie den Lesetext zum jeweiligen Thema. Die Texte wurden nach wissenschaftssprachlichen Standards verfasst, die darin verwendeten Literatur- oder Internetquellen finden Sie im Literaturverzeichnis. Wenn Sie Übungen zu den Lesetexten bearbeiten möchten, klicken Sie bei dem jeweiligen Thema das Leseverstehen an.

Kommunikation in Lehr- und Lerndiskursen

Wie bereits im einführenden Kapitel erläutert, ist der universitäre Lehr- und Lernstil in Deutschland von der Einheit von Forschung und Lehre geprägt. Das bedeutet, dass nicht Dozent*innen die zentrale Wissensquelle darstellen, sondern dass Studierende sich das Wissen eigenständig erarbeiten müssen. Wissensvermittlung sowie Wissensaneignung geschehen in Interaktion zwischen Dozent*innen und Studierenden. Auch die Gruppenarbeit, als eine der verbreitetsten Sozialformen in Seminaren und Übungen, ist auf die Steigerung des Lernerfolges und die Sicherung des Wissenszuwachses ausgerichtet. Im Folgenden wird auf die Kommunikationssituationen in Lehrveranstaltungen und während der Gruppenarbeit eingegangen.

Seminardiskussionen

Wie bereits erwähnt, wird in Deutschland in Seminaren eine aktive Beteiligung der Studierenden erwartet. Fragen und kritische Einwände der Studierenden sind in einer Seminardiskussion erwünscht. Es geht dabei nicht immer um den fachlichen Wissenszuwachs der Studierenden, sondern um ihre Persönlichkeitsentwicklung und die Ausbildung einer wissenschaftlichen Lernkompetenz (vgl. Schumann 2012: 38). Für Studierende, die in ihren Herkunftsländern an eine rezipierende Wissensaneignung gewöhnt sind, entsteht bei dieser Form des Lehrens und Lernens „eine Reihe von Rollenkonflikten" (ebd.). Sie müssen sich auf andere Lernmethoden und andere Arbeitsformen umstellen, mehr Verantwortung für das eigene Lernen übernehmen und sich aktiv am Wissenserwerb beteiligen.

Die verbreitetsten Interaktionsformen in den Lehrveranstaltungen an deutschen Hochschulen sind Seminargespräche, Diskussionen nach einem studentischen Referat und Gruppen- oder Partnerarbeit mit anderen Studierenden. Seminargespräche können sowohl von den Lehrenden als auch von den Lernenden initiiert und gesteuert werden. Wenn Lehrende in Seminaren Fragen stellen, dann richten sich diese in der Regel an alle Anwesenden, nur in seltenen Fällen werden Studierende persönlich angesprochen. D.h. wenn man eine Frage beantworten und zur Diskussion beitragen möchte, muss man selbst aktiv werden (vgl. Lange/Rahn 2017: 31). Auch Studierende dürfen eigenständig Fragen stellen oder an die Äußerungen der Kommiliton*innen anknüpfen, um diesen beispielsweise zuzustimmen, sie zu kommentieren oder zu ergänzen. Man darf auch seine Zweifel äußern, wenn man dabei anderen oder sogar Lehrenden widersprechen würde. Man sollte dabei vorsichtig und höflich vorgehen und seine eigene Meinung gut begründen. Denn das ist das Ziel des Studiums, kritisches Denken und Argumentieren zu erlernen (vgl. ebd.). Auch in diesem Bereich bietet das Projekt DigiLex UniComm1 passende Formulierungshilfen. Dort findet man typische Formulierungen für die Beteiligung an einer Seminardiskussion, vom einfachen sich zu Wort melden wie „Darf ich direkt dazu eine Frage stellen?" über an die Redebeiträge von anderen anknüpfen wie z.B. „Dazu würde ich auch gern noch etwas sagen: ..." bis hin zum Erkämpfen des Rederechts wie z.B. „Einen Augenblick bitte, darf ich das noch eben abschließen?".

Kommunikation unter Studierenden

Eine der weitverbreiteten Lehr- und Lernformen an deutschen Hochschulen ist die Gruppenarbeit. Sie wird zum einen punktuell in einzelnen Seminaren, Übungen und Tutorien eingesetzt, zum anderen können auch größere Arbeitsprojekte außerhalb der Lehrveranstaltungen wie Vorbereiten oder Anfertigen von Referaten oder Hausarbeiten in Gruppenarbeit durchgeführt werden. Hier übernimmt die Gruppe gemeinsam die Verantwortung für den Erfolg der zu erledigenden Aufgabe. D.h. die Aufgabe wird kooperativ bearbeitet, jedes Gruppenmitglied ist gleichermaßen an der Aufgabe beteiligt, bringt sich ein und arbeitet dabei aus Eigeninitiative, wartet nicht auf die Anweisungen anderer (vgl. Lange/ Rahn 2017: 46). Die einzelnen Ergebnisse werden zum Schluss zum Gruppenergebnis zusammengeführt und präsentiert. Durch Aushandlungs- und Problemlöseprozesse wird neben der Wissensgenerierung hauptsächlich die soziale Kompetenz trainiert und die Teamfähigkeit erworben. Diese Kompetenzen sind für den zukünftigen Berufsalltag notwendig.

Kollaborative Arbeitsphasen gibt es im Hochschulkontext dagegen eher selten. Vielen internationalen Studierenden ist diese Arbeitsform aus ihrem Heimatland bekannt. Dort waren sie bei solch einer engen Zusammenarbeit an eine lockere und entspannte Atmosphäre gewöhnt, die Platz für private Gespräche bot. So betrachten sie die Gruppenarbeit in Deutschland als eine Gelegenheit, deutsche Studierende kennen zu lernen und erhoffen sich davon das Knüpfen von freundschaftlichen Beziehungen. Sie sind häufig enttäuscht, wenn deutsche Studierende kooperativ arbeiten und nur auf die Bewältigung der Aufgabe abzielen (vgl. MuMiS/CI/Kommunikation in Arbeitsgruppen/C10, C16). In Deutschland dagegen wird strikt zwischen Beruflichem und Privatem getrennt und ein Arbeitstreffen bleibt häufig nur ein Arbeitstreffen. Dies bedeutet aber nicht, dass aus einer produktiven Gruppenarbeit nicht eine freundschaftliche Beziehung mit Mitstudierenden entstehen kann (vgl. ebd.: C10, C16 mit Kommentar).